
Research
Humanoide am Band: Figures Bewährungsprobe im BMW-Werk
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Im BMW-Werk Spartanburg legt ein humanoider Figure-Roboter Blechteile in Vorrichtungen ein – eine unscheinbare Bewegung mit großer industrieller Bedeutung. Der dokumentierte Test zeigt, was menschenähnliche Maschinen bereits leisten und welche Fragen für Unternehmen offenbleiben.
Expert in the Loop · Fachlich geprüft von Prof. Dr. Julian Voss
16. September 2026 · 7 Min Lesezeit
Management Summary
Im BMW-Werk Spartanburg legt ein humanoider Figure-Roboter Blechteile in Vorrichtungen ein – eine unscheinbare Bewegung mit großer industrieller Bedeutung. Der dokumentierte Test zeigt, was menschenähnliche Maschinen bereits leisten und welche Fragen für Unternehmen offenbleiben.
Humanoide am Band: Im BMW-Werk Spartanburg in South Carolina greift ein menschenähnlicher Roboter nach einem Blechteil und führt es zu einer Vorrichtung. Eine genaue Uhrzeit ist für diesen Moment nicht öffentlich belegt. Entscheidend ist ohnehin der nächste Schritt: Das Werkstück muss richtig sitzen. Nicht ungefähr. Sondern so, dass die anschließende Fertigung damit weiterarbeiten kann. Figure zeigt seinen Figure 02 bei dieser industriellen Aufgabe – nicht als Haushaltshelfer, sondern zwischen Bauteilen und Produktionsanlagen.[1]
Die inzwischen veröffentlichten Betriebsdaten machen den Maßstab des Tests sichtbar: Figure 02 bewegte in elf Monaten mehr als 90.000 Blechteile, sammelte über 1.250 Betriebsstunden und wirkte an mehr als 30.000 BMW X3 mit.[5]
11-monatiger Einsatz bis 2025 · BMW Group, 2026
Die Szene gehört zu einem realen Erprobungseinsatz, über den BMW am 6. August 2024 berichtete. Über mehrere Wochen hatte der Automobilhersteller den zweibeinigen Roboter in Spartanburg getestet.[2] Diese Reportage betrachtet diesen dokumentierten Versuch: einen begrenzten Einsatz mit einer bemerkenswert konkreten Aufgabe.
1. Der entscheidende Moment liegt in der Vorrichtung
Von außen betrachtet wirkt der Arbeitsgang schlicht: aufnehmen, bewegen, einlegen. Doch gerade diese Schlichtheit täuscht. Wer ein Bauteil für einen nachfolgenden Produktionsschritt bereitstellt, muss mehr leisten als einen Gegenstand von einem Ort zum anderen zu tragen.
BMW beschreibt, dass Figure 02 Blechteile in spezielle Vorrichtungen einlegte. Diese Teile wurden anschließend als Bestandteil des Fahrzeugchassis zusammengefügt. Für die Aufgabe waren nach Angaben des Herstellers besondere Geschicklichkeit und millimetergenaue Platzierung erforderlich.[2]
Damit verschiebt sich der Maßstab. Ein Roboter, der eindrucksvoll läuft oder freundlich winkt, hat noch keine Fertigungsaufgabe gelöst. Hier zählt die Übergabe an den nächsten Prozess: Liegt das Blech so, wie die Anlage es benötigt?
Der eigentliche Wow-Moment ist deshalb kein spektakulärer Sprung. Es ist ein Werkstück, das dort ankommt, wo es hingehört.
2. Kein Auto aus Roboterhand
Die Überschrift „Humanoide am Band“ kann ein größeres Bild auslösen, als die Belege hergeben: menschenähnliche Maschinen, die selbstständig komplette Fahrzeuge bauen. Genau das dokumentierte dieser Versuch nicht.
Figure 02 übernahm einen abgegrenzten Handhabungsschritt im Karosseriebau. Der Roboter war weder als alleiniger Fahrzeugmonteur beschrieben noch als Ersatz für sämtliche vorhandenen Anlagen. Seine Aufgabe bestand darin, Blechteile für die anschließende Verarbeitung einzulegen.[2]
Diese Abgrenzung macht den Einsatz nicht kleiner. Sie macht ihn industriell interessant. Automobilproduktion besteht aus vielen eng aufeinander abgestimmten Vorgängen. Eine neue Maschine muss ihren Teil zuverlässig erledigen und sich in die Abläufe davor und danach einfügen.
Für die Bewertung ist deshalb wichtiger, was genau automatisiert wurde, als wie menschenähnlich die Maschine aussieht. Der dokumentierte Fortschritt liegt in einer konkreten Schnittstelle zwischen Bauteilbereitstellung und Fertigung – nicht in einer autonomen Autofabrik.[4]
3. Was Figure 02 dafür mitbringt
Figure stellte seine zweite Robotergeneration im August 2024 vor. Zu den vom Unternehmen beschriebenen Weiterentwicklungen gehörten die integrierte Verkabelung, verbesserte Hände, Kameras sowie mehr Rechenleistung an Bord. Figure positionierte das System ausdrücklich für anspruchsvolle Tätigkeiten in menschlich gestalteten Umgebungen.[1]
Für das Einlegen eines Blechteils sind besonders die Fähigkeiten zum Wahrnehmen, Greifen und präzisen Bewegen relevant. Die Form allein erledigt keine Arbeit. Erst das Zusammenspiel von Mechanik, Sensorik und Steuerung macht aus Armen und Händen ein industriell nutzbares System.
Dabei bleibt eine wichtige Trennlinie: Technische Angaben des Herstellers beschreiben die Plattform. Sie belegen nicht automatisch, welche Leistung jede einzelne Komponente während des BMW-Versuchs erbracht hat.
Auch Fähigkeiten zur Sprachinteraktion, die Figure für den Roboter hervorhob, sind kein Nachweis dafür, dass der Arbeitsablauf in Spartanburg über gesprochene Anweisungen gesteuert wurde.[1][4]
4. Die Vorgeschichte beginnt vor dem Werkseinsatz
Der Versuch kam nicht aus dem Nichts. Reuters berichtete bereits am 18. Januar 2024 über eine Vereinbarung zwischen Figure und BMW. Vorgesehen war zunächst, geeignete Einsatzmöglichkeiten für humanoide Maschinen in der Automobilproduktion zu identifizieren. Daran sollte sich eine schrittweise Einführung anschließen.[3]
Diese Reihenfolge ist aufschlussreich: erst die Aufgabe suchen, dann die Maschine einsetzen. Nicht jeder manuelle Handgriff eignet sich gleichermaßen für einen Humanoiden. Und nicht jede technisch machbare Automatisierung lohnt sich wirtschaftlich.
Im August folgte der öffentlich dokumentierte praktische Test mit Figure 02. BMW berichtete, dabei Erkenntnisse über die Integration solcher Systeme in bestehende Produktionsumgebungen gewonnen zu haben. Auch das Zusammenspiel mit den Anlagen gehörte zu den Themen der Erprobung.[2]
Zwischen der Ankündigung einer Zusammenarbeit und einem belastbaren Produktionsbetrieb liegen also mehrere Stufen. Spartanburg machte eine davon sichtbar: Ein humanoides System bearbeitete eine tatsächliche Fertigungsaufgabe im Werk.
5. Die Spannung steckt in der Wiederholung
Eine gelungene Bewegung lässt sich zeigen. Ein stabiler Prozess muss sich wiederholen lassen. Genau hier beginnt die schwierigere Geschichte hinter den Bildern.
Wie häufig gelingt das Einlegen ohne Eingriff? Was passiert bei einer ungünstigen Teilelage? Wie wird eine Störung erkannt, und wer übernimmt dann? Solche Fragen entscheiden darüber, ob aus einem Versuch ein tragfähiger Betrieb wird.[4]
Die hier betrachteten Veröffentlichungen zum Test vom August 2024 liefern keine vollständige, unabhängig geprüfte Leistungsbilanz mit Ausschussquote, Eingriffshäufigkeit und Gesamtkosten. Aus den gezeigten Arbeitsschritten lässt sich deshalb keine allgemeine Überlegenheit gegenüber anderen Automatisierungslösungen ableiten.[1][2]
BMW ordnete den Einsatz damals ausdrücklich als Erprobung ein. Zum Veröffentlichungszeitpunkt befanden sich nach Unternehmensangaben keine Figure-Roboter im Werk Spartanburg; ein verbindlicher Zeitplan für einen weiteren Einsatz wurde nicht genannt.[2] Diese Aussage beschreibt den damaligen Stand, nicht automatisch die heutige Situation.
6. Warum überhaupt Beine und Hände?
In einer Autofabrik sind Roboter längst keine Sensation. Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob Maschinen dort arbeiten können. Sie lautet: Wofür braucht es eine menschenähnliche Bauform?
Das mögliche Argument ist Anpassungsfähigkeit. Arbeitsplätze, Zugänge und Werkzeuge sind häufig auf menschliche Körper und Bewegungen ausgelegt. Ein Humanoid könnte bestimmte Aufgaben übernehmen, ohne dass jeder Arbeitsplatz vollständig für eine Spezialmaschine umgebaut werden muss.[4]
Doch daraus folgt kein pauschaler Vorteil. Ein fest installierter Roboterarm kann für einen eng definierten Vorgang die einfachere Lösung sein. Beine, ein beweglicher Oberkörper und vielseitige Hände erweitern Möglichkeiten, erhöhen aber auch die technische Komplexität.
Der Versuch in Spartanburg beantwortete diesen Vergleich nicht abschließend. Er zeigte vielmehr, dass die humanoide Bauform eine reale Handhabungsaufgabe bewältigen konnte. Ob sie dafür die wirtschaftlich beste Wahl ist, muss gesondert nachgewiesen werden.[2][4]
Was bedeutet das für Unternehmen?
Die wichtigste Lehre ist unspektakulär: mit dem Prozess beginnen, nicht mit dem Roboterkauf. Wer ähnliche Systeme prüfen will, sollte zunächst einen klar begrenzten Arbeitsgang auswählen und dessen Anforderungen dokumentieren.
Dazu gehören Taktvorgaben, zulässige Positionierungsabweichungen, Varianten der Bauteile, Sicherheitsanforderungen und der Umgang mit Störungen. Erst dann lässt sich sinnvoll vergleichen, ob ein Humanoid, klassische Automatisierung oder eine andere Gestaltung des Arbeitsplatzes die bessere Antwort liefert.[4]
Ein Pilotprojekt braucht außerdem messbare Erfolgskriterien. Einzelne gelungene Durchläufe reichen nicht. Relevant sind unter anderem die Zuverlässigkeit über längere Zeit, notwendige menschliche Eingriffe, Wartungsaufwand und die Qualität der bereitgestellten Teile.
BMW beschrieb als Ziel solcher Technologien auch die Entlastung von ergonomisch ungünstigen und ermüdenden Tätigkeiten.[2] Für Unternehmen ist das ein ernst zu nehmender Ansatz. Ob daraus tatsächlich eine Verbesserung entsteht, hängt jedoch vom konkreten Arbeitsplatz und seiner sicheren Gestaltung ab. Ein Entlastungsversprechen ersetzt keine praktische Prüfung.[4]
Fazit
In Spartanburg lag die Zukunft für einen Moment in einer Vorrichtung: ein Blechteil, bereit für den nächsten Fertigungsschritt. Figure 02 zeigte beim dokumentierten Test 2024, dass ein humanoider Roboter eine präzise Aufgabe im realen Automobilwerk übernehmen konnte.[2]
Das ist mehr als eine Bühnendemonstration, aber weniger als der Beweis einer vollständig humanoiden Produktion. Der nächste Maßstab bleibt nüchtern: zuverlässig wiederholen, sicher integrieren, wirtschaftlich betreiben. Dort entscheidet sich, was aus dem eindrucksvollen Moment wird.[4]
Häufige Fragen
Was hat der Figure-Roboter bei BMW genau gemacht?
Figure 02 legte Blechteile in spezielle Vorrichtungen ein. Die Teile wurden anschließend als Bestandteil des Fahrzeugchassis zusammengefügt. Der Roboter baute also nicht selbstständig ein vollständiges Auto.[2]
War das schon ein dauerhafter Serieneinsatz?
Der hier behandelte, im August 2024 veröffentlichte Einsatz war eine mehrwöchige Erprobung. Daraus lässt sich kein damaliger flächendeckender oder dauerhafter Betrieb ableiten. Spätere Entwicklungen müssen anhand späterer Veröffentlichungen beurteilt werden.[2]
Hat der Versuch die Wirtschaftlichkeit bewiesen?
Die betrachteten Mitteilungen liefern keine vollständige Kostenrechnung und keinen umfassenden Vergleich mit alternativen Anlagen. Der Versuch belegte praktische Fähigkeiten; eine allgemein übertragbare Wirtschaftlichkeit folgt daraus nicht.[1][2][4]
Quellen und Einordnung
[1] Figure AI: Figure News, Vorstellung von Figure 02 und zugehörige Demonstrationen, August 2024. https://www.figure.ai/news
[2] BMW Group: BMW Group PressClub, Mitteilung zum erfolgreichen Test humanoider Roboter im Werk Spartanburg, 6. August 2024. https://www.press.bmwgroup.com/global
[3] Reuters: Technology news coverage, Bericht über die Vereinbarung zwischen BMW und Figure, 18. Januar 2024. https://www.reuters.com/technology/
[4] AI International Group: Eigene Analyse in diesem Beitrag. Kennzeichnet redaktionelle Schlussfolgerungen, keine zusätzliche unabhängige Tatsachenquelle.
